202 _ ANGELUS NOVUS

Juni 4, 2012 in ARTIKEL LEBENDIGE DEMOKRATIE
Autor: Jürg Minsch

Von Jürg Minsch
Paul Klee: Angelus NovusAngelus Novus blickt an uns vorbei. Bilder der Vergangenheit ziehen seine Aufmerksamkeit an, fesseln ihn, halten ihn gefangen. Er ist unfrei, verschenkt die Zukunft.

Paul Klee malte das Bild 1920.

Walter Benjamin, Philosoph und Literat, gab ihm eine besondere Bedeutung. In einem Text schrieb er unter anderem: «Ein Engel ist darauf dargestellt, der aussieht, als wäre er im Begriff, sich von etwas zu entfernen, worauf er starrt . Seine Augen sind aufgerissen, sein Mund steht offen und seine Flügel sind ausgespannt. Der Engel der Geschichte muss so aussehen. Er hat das Antlitz der Vergangenheit zugewandt. Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füsse schleudert. Er möchte wohl verweilen, die Toten wecken und das Zerschlagene zusammenfügen. Aber ein Sturm weht vom Paradiese her, der sich in seinen Flügeln verfangen hat und so stark ist, dass der Engel sie nicht mehr schliessen kann. Dieser Sturm treibt ihn unaufhaltsam in die Zukunft, der er den Rücken kehrt, während der Trümmerhaufen vor ihm zum Himmel wächst. Das, was wir Fortschritt nennen, ist dieser Sturm.» (Walter Benjamin, 1940: Über den Begriff der Geschichte, These IX).

Walter Benjamin hat den Europäischen Schrecken des 20. Jahrhunderts erlebt. Nach mehrmaligen vergeblichen Fluchtversuchen vor den Nazischergen hat er sich 1940 in der Nähe von Port Bou das Leben genommen.

Es ist schwer, das Bild anders zu verstehen.

Wohin wurde der Engel vom Sturm der Geschichte getrieben, der zumindest in Europa in der Zwischenzeit friedlichere Züge angenommen hat? Wir erleben eine beinahe siebzigjährige Periode des Friedens – von einigen schrecklichen Ausnahmen abgesehen – und des Wohlstands. Worauf starrt der Engel?

Er kann auch heute auf Trümmer starren. Weniger dramatisch ausgedrückt: auf ökologische, soziale und ökonomische Probleme, die sich auftürmen und es in sich haben – Angst machen können.

Er kann aber auch verunsichert, ängstlich Ausschau halten nach den schönen Bildern der unmittelbaren Vergangenheit, nach Bildern zum Festhalten im Sturm des rasanten, vermeintlichen Fortschritts. Sein Blick bleibt gefangen von Bildern der Vergangenheit, von schlimmen, schönen, wahrscheinlich von beiden. Er wird hilflos getrieben, er torkelt mit dem Rücken voran in die Zukunft. Als der Engel der Geschichte.

Wir würden straucheln. Früher oder später fallen. Opfer sein des Sturms der Geschichte.

 

(Bildlegende: Angelus Novus, Israel-Museum, Jerusalem)