104 _ SCHWEIZ SEIN HEISST VISIONÄR SEIN – DER DÜBENDORF-TEST

Juni 13, 2012 in ARTIKEL DER KREATIVE BUND – DAS NATIONALE EXPERIMENT
Autor: Thom Held

Von Thom Held

Roman Signer@Denk-Allmend

Ein Sonderfall sei die Schweiz. Und bescheiden. Grosstaten seien nicht ihre Stärken. Das Kleine hat sie gern, und will selbst als das eigenwillig Kleine respektiert, wenn nicht geliebt werden. Daran hängt auch etwas Wahres. Aber auch nicht! Zur Schweiz und zu dem, was man gerne als «idee suisse» bezeichnet, gehört stets auch das Aussergewöhnliche, das Visionäre. Und visionär muss das Schweizerische gerade in Zukunft sein. Ob wir das auch wollen, und können? Dübendorf ist ein Test. Ein Test, ob wir die Demokratie mit dem Visionären zu vermählen vermögen. Der Test läuft. – Ein Plädoyer für eine bewegte und bewegende Schweiz, denn: SCHWEIZ SEIN HEISST VISIONÄR SEIN.

Filettierung? Nein.

Die befristete «Denk-Allmend für den Flugplatz Dübendorf» hat – im Lichte einer fast einmaligen Zukunftschance, fürs Land, nicht nur für die Region – von Beginn weg ihre Zielvorstellung festgelegt: Nicht das Alltägliche fortsetzen. Nicht als Spiegel der Interessengruppen das Filet tranchieren und die Stücke zum Verteilen bereithalten. Nein.

Es geht beim Flugplatz Dübendorf um einen Demokratie-Test: Sind wir heute noch in der Lage, als Land, als demokratisches Gemeinschaftsgefüge etwas Bedeutendes, Aussergewöhnliches, Zukunft Weisendes, werthaltig Grosses, Sinn und Identifikation Stiftendes, Berührendes und Bewegendes zu schaffen? Alles zusammen. Was möglich ist, wenn’s stimmt. Als Bekräftigung, ja als Reverenz an eine Schaffenskraft, die sich nicht am Mittelmass orientiert, auch nicht an vergangenen Bildern, wie’s der Artikel 202_ANGELUS NOVUS zum Inhalt hat? Citoyennes und Citoyens sind keine Engel, aber sie können und dank der Demokratie dürfen sie auch das Grosse, wenigstens das Grossartige versuchen. Wenn sie es wirklich wollen.

Der Ideenwettbewerb 2011 der Denk-Allmend hat aufgezeigt, wohin die Reise auch gehen könnte, wenn man freier denken und entwerfen kann, als es andere tun durften oder zu tun wagten. Bewegendes und Berührendes wird sichtbar, fast schon greifbar, … und landesweit erzählbar: Radio DRS1 beweist’s in der Doppelpunkt-Sendung EIN FLUGPLATZ HEBT AB. Und diese Geschichten wollen wir auch 2012 weiter erzählen.

Diesem Anspruch des werthaltig Grossen wurde und wird nun auch im Rahmen der Denk-Allmend entgegengehalten, in der Schweiz werde das Große nicht erfunden, oder dann nur für andere. Die Schweiz sei nie visionär. Das Vorsichtig-Bescheidene eines Schweizers im Blut, neigt man schnell dazu, bei diesen Beschwichtigungen einzuknicken. Etwa im Sinn des Autors Thomas Küng in seiner «Gebrauchsanweisung für die Schweiz», frei nach Carl Spitteler: «Wenn die Schweizer die Alpen selbst gebaut hätten, wären sie bescheidener geraten. Da sie nun mal da sind, muss man das Beste daraus und darauf machen.» Pragmatisch, diese Schweiz. Durch und durch. Aber auch: Mitnichten!

Verbleiben wir vorerst noch ein paar Worte bei der vermeintlich kleinen, pragmatischen und freudetemperierten Schweiz. Drei aktuelle Stimmungsbilder, die diesem Geist Ausdruck verschafft:

Das MAGAZIN des TAGES-ANZEIGERs schreibt im März 2012 im Blog unter dem Titel «Plötzlich ist der Hype weg»: Die Stimmung in Zürich als frisch bewegte Stadt, die jenseits der nationalen Grenzen als das wahrgenommen wird, sei am kippen. «Es geht um eine Grundstimmung in der Stadt. Es geht um das gewiss subjektive Gefühl vieler, dass Zürich nicht urbaner, sondern im Gegenteil, irgendwie kleiner geworden ist.»

Dieses Kleine, macht es sich auch breit, wenn Gemeinderäte mit den Stadträten keifen, wenn die Stadt Zürich mit dem Kanton streitet, wochenlang, monatelang, wegen ein paar Parkplätze oder einer Fahrspur nahe der Oper? Welch krächzende Arien da anklingen, … ohne Aussicht, jemals Karriere machen zu dürfen, ausser in den lokalen Medien. Wo ist das Souveräne geblieben, in der Politik, beim TAGES-ANZEIGER, bei der NZZ? Was sonst bewegt die Zürcher noch?

Die ZEIT vom 16. Mai 2012 blickt auf die Schweiz von heute und von 2002: «Eine Sommerliebe. Vor zehn Jahren feierte sich die Schweiz mit viel Lust. Und heute?» Die intensive und lustvolle Sommerliebe sei schnell verflogen. «Und im Jahrzehnt, das folgte, verlernte das Land viele seiner Expo-Tugenden: Statt Humor dominierte nun Bierernst, statt Poesie giftige Härte, und verspielt war nur noch die Fussballnationalmannschaft.»

Verbirgt sich dahinter eine Übersättigung, gepaart mit der Ahnung, als Schweiz die privilegierte Stellung zu verlieren? Ist es Folge eines dominanten Pragmatismus, eines alles überstrahlenden Sicherheitsdenkens, begleitet durch Griesgram oder giftige Härte statt freudigen Willens gemeinschaftliche Brücken … in die Zukunft … zu bauen?

Ist es nicht eine bequeme Ausrede, ja eine Schutzbehauptung, wir wären nicht visionär, nicht zu Grossem begabt, um uns nicht wirklich bewegen und bemühen zu müssen, Neues zu entdecken?

Eine Schweiz ohne Wagemut ist ohne Zukunft. Werden wir uns wieder Schweizerischen Stärken bewusst. Blicken wir – einen Moment noch – nach hinten oder auf die Seite. Was kann man da bereits, an Bedeutendem, ja Wunderbarem entdecken!

Pipilotti Rist (Foto Ernst Moritz)Zum Beispiel in der Kunst, die immer auch Spiegel eines Lands ist oder ihm diesen vorsetzt, ob es das nun will oder nicht. Doch, für Nicht-Schweizerinnen, aber auch für manch Schweizer ungeahnt Schweizerisches ist zu «entdecken»: Was hatten und haben die «großen» Schweizerinnen und Schweizer wie Pipilotti Rist, Jean Tinguely, Fischli und Weiss oder Roman Signer oder Urs Fischer gemeinsam? Nein, nicht nur Künstler von Welt … und Weltrang zu sein, nein, bedeutender und schöner ist etwas – vordergründig untypisch und doch typisch – Schweizerisches in ihrem Gemeinsamen: das Leichtfüssige, ja Beschwingte, zumal Federleichte und Bewegte, das Verschmitzte und auf verschlungenen Pfaden Poetische, auch und vor allem das so ungemein Befreite und Berührende. Aus dem Werk dieser Künstler spricht, ja schiesst eine von Energie und Leben sprühende Schweiz. Manchmal ganz still, manchmal wie ein Wasserfall. Augenzwinkernd. Bedeutsam. Geliebt.

Roger FedererOder das Beispiel «unseres» Vorzeigeschweizers und Liebkind aller, Roger Federer. Fast ein wenig bieder wirkend, weil alles so wohlorganisiert scheint, vielleicht auch weil millionenschwere Werbeverträge schnell eingestellt werden können, wie das Beispiel Tiger Woods zeigte. Federer ist kein Woods, schweizerisch halt. Alle betonen dessen Schweizer Tugenden wie Präzision, Professionalität, Verlässlichkeit. Doch, im heutigen Spitzentennis allein nur damit ausgestattet würde Federer auf dem Court jede Feder lassen. Nackt gerupft und moralisch geknickt würde er vom Platz gehen. Die Realität ist glücklicherweise anders – und das Glück ist nicht nur ein schweizerisches, weil sein Tennishandwerk – neben dem Kampf – annähernd einer vorher nie dagewesenen Kunstform gleicht, die die ganze Welt liebt. Der Schweizer Bub, der er einst war, wollte der Beste sein. Und das wollte er auch als Erwachsener, dann als andere langsam, manche auch schnell pragmatisch werden. Und siehe da, das Schweizerisch-Solide verliebte sich ins Schweizerisch-Ungewöhnliche. «Rotscher» wurde tatsächlich der Beste. Sogar «der Beste aller Zeiten». Eine traumhafte Geschichte, aus dem Solitären heraus geboren, in dieser sich ausgeprägten Form aber nicht ohne das Schweizerische dahinter erklärbar – der dauerhaften Vermählung des Soliden mit dem Kreativen und Freudvollen.

Die Liebesbekundungen der ganzen Welt und dessen so verlässlich scheinender Lebensstil schützte unseren «Goldjungen vor einem anderen Zug des Schweizerischen, nämlich dem Runterreissen all jener, die sich aus dem Mittelfeld – und Mittelmass – emporzuheben wagten. Exzentriker wie ein Roman Signer, so liebenswürdig sie auch wirken, haben’s da schwerer, mit einer breiten Liebhaberschaft. So ist es wohl auch mit «den Hayeks». Stets respektiert für ihr Tun, das Erhalten und Vorwärtsbringen einer Branche, die zum Selbstverständnis der Schweiz geworden ist. Doch wurden sie auch geliebt? Zu exzentrisch. Zu unverfroren auch als Unternehmer das zu sagen gewagt, was man dachte. Zu sehr von dem gelöst, was vorschnell als Schweizermass galt oder gilt.

Henri Dunant, Gründer des IKRKStellen wir uns vor, auch Henri Dunant, der Urheber der vielleicht schönsten, wohl aber der bedeutendsten Schweizgeschichte, wurde beiseite geräumt, 1864, ein Jahr nachdem er den Vorgängerverein des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes (IKRK) gegründet hatte. Unfassbar, dies selbstzerstörerische Kraft. Als Geschäftsmann zog Dunant 1859 los, erlebte die Verheerungen der Schlacht von Solferino und San Martino, und kam als Visionär zurück, und machte mit seinem Wirken und seinen Gefährten – aus der Zivilgesellschaft heraus! – die Stadt Genf und die Schweiz zum Ort der Welt, zum Ausgangsort der humanitären Hilfe, zum Hort der Menschlichkeit in kriegsversehrten Zeiten. Rehabilitiert wurde der Schweizer 1901, mit dem erstmals verliehenen Friedensnobelpreis. Wohl dem wichtigsten aller Preise. 1944 und 1963 wurde dem IKRK nochmals der Nobelpreis verliehen!

Was nun? Zeigen diese Beispiele eine Schweiz, die kleingeistig und kleinbürgerlich ist? Ohne Visionen? Zugegeben, es sind Beispiele, die den Rahmen des Normalen, des Alltäglichen sprengen. Aber gerade darum geht’s: Die Schweiz oder Menschen, die durch das Schweizerische geprägt sind, zeigen, dass sie die Kraft haben, den Rahmen des Gewohnten zu sprengen, gegen vielfältige, auch mächtige Widerstände im Innern und von Aussen. Das ist die andere Seite der Medaille, die andere zur auch existenten, gar zuweilen dominierenden Seite der Angepassten und Pragmatischen, denen unglücklicherweise in zunehmender Zahl Verbitterte und Griesgrämige zur Seite drängen. Irgendwo ist die Freude verloren gegangen.

Wir sind uns wohl bewusst: die Bedenkenträger, so diese sich denn dazu bekennen, haben das Übergewicht. Heute erst recht, in Zeiten der Umfrage-Demokratie oder der verbreiteten Vollkasko-Mentalität in Politik, Wirtschaft, manchmal gar in der Wissenschaft.

Doch obige Beispiele, zahlreiche andere auch, zeigen: Nicht nur das niedlich Kleine und das vorsichtig Abtastende, auch das Grosse, Grenzen sprengende ist Teil der «idée suisse».

Wie sollen wir uns behaupten, in Zukunft? Indem wir unsere Ansprüche runterfahren, auf globales Mittelmass, und doch glauben, dass wir uns an der Spitze halten können? Runterdimmen gar auf Biedermass, und gleichzeitig Sonderfallstatus beanspruchen? Es male sich jede und jeder das Bild aus, ein kleines Land in einer dynamischen, globalisierten Welt, ein auf die Ausrede mit dem Klein-Sein-und-nicht-anders-Können-und-Müssen bedachtes Land, das sich mit dem Durchschnitt zufrieden gibt. Welche Zukunft, welche Perspektiven hat so ein Munzigland?

Um Himmels willen – und wenn wir den Himmel weglassen, weil der Himmel neutral ist beziehungsweise das Brasilianische, Koreanische oder Südafrikanische genauso wie das Schweizerische mag –, bei aller Liebenswürdigkeit eines solchen Kurzblickes: Ein kleines Land wie die Schweiz ist in dieser Welt, wie sie heute ist, verdammt zu Großem, verdammt zu Visionärem, Bewegendem, hoffentlich auch Berührendem! Dafür müssen wir uns aber schon selbst in Bewegung setzen, nicht Abwarten, bis andere es bereits versucht haben, und auch bereit sein, dabei auch die Hände – die eigenen – schmutzig zu machen. «Urban Farming» ist in, auch in unserem Ideenwettbewerb. Es könnte zu einem der Symbolbilder des Aufbruchs werden: weg mit den schützenden Samt- oder Gummihandschuhen und einem «Farmer» gleich Hand anlegen an der Zukunft.

Flugplatz DübendorfWenn wir nach dieser Gedankenreise zurückkommen zu Dübendorf, losgelöst von Partialinteressen, seien wir ehrlich: Die kantonale Test- und Strategieplanung zum Flugplatz Dübendorf setzt wichtige Leitlinien, ist aber sonst schlicht zu einengend und zu wenig. Ein Innovationspark – zumindest allein gedacht – ist ebenfalls zu wenig. Und warum hier? Wiederholt sich diesselbe Geschichte der Raumplanung auch hier? Wenn man nicht weiter weiss, und der Mut und der Ideenreichtum nicht weit gedeihen darf, weicht man auf die «grüne Wiese» aus. Was soll an diesem reflexartigen Vorgehen «innovativ» sein? Und etwas Fliegerei beibehalten, wie Flugbegeisterte es sich wünschen und vehement fordern, ist das nicht auch zu wenig, und verunmöglicht das mögliche Grosse von zumindest nationaler Bedeutung?

Der heutige Zaun ums Areal hat Symbolkraft: Reissen wir diesen gedanklich nieder, sprengen wir die Denkgrenzen und öffnen wir uns in den hoffentlich ebenso offenen Folgeprozessen hin zu einer neuen Zukunft des Flugplatzes, der Metropolitanregion Zürich, der Schweiz. Eine Zukunft, die nur übers Erwägen verschiedener Zukünfte zu finden ist, wenn man denn, in der eben auch typisch schweizerischen Manier etwas Grosses und Freude und Indentifikation Stiftendes schaffen will.

Liebe Schweizerinnen und Schweizer, die in diesem Land beziehungsweise in den Köpfen und Herzen schlummerde Kreativität ist gross, viel grösser als gemeinhin angenommen wird. Historische und heutige Beispiele sind Zeugen davon. Nur nutzen müssen wir sie, diese Kreativkraft. Und wer nicht kreativ ist oder sein darf, sollte jenen, die können und dürfen, dafür Raum und Zeit einräumen. Getreu unserem Motto: «Der kreative Bund – Das nationale Experiment.»

«Nichts ist so stark als die Idee, deren Zeit gekommen ist», schrieb Victor Hugo. Wie wahr! Ist diese Idee etwa «DÜLAND», «FLEX», «DÜBENHOLZ», «WILDE BLUMEN»? Oder gar «EIN MOMENT DER KLARHEIT»?

Sicher ist nur eins:
Was wir brauchen, ist ein Wille, der wirklich will, und «Momente der Klarheit», die den Weg säumen in eine von Energie und Leben sprühende Schweiz. Mitreissend und hinreissend.

 

[Fotos: 1_Roman Signer (vom Originalabzug im Denk-Allmend-Büro);  2_Filetstück, von Thom Held;  3_Pipilotti Rist, von Ernst Moritz;  4_Roger Federer, von Jessica Kluetmeier;  5_Henri Dunant, von picture-alliance/ dpa/KEYSTONE;  6_Flugplatz Dübendorf, von Denk-Allmend und Weiss-Heiten Design]