Jürg Minsch

205 _ DER RING DES GYGES

Juni 29, 2012 in ARTIKEL LEBENDIGE DEMOKRATIE

Von Jürg Minsch

Schleier der UnsichtbarkeitGutes Staatswesen setzt Sichtbarkeit voraus: Sichtbarkeit der Akteure und ihres Handelns. Unsichtbarkeit grenzt ab, schliesst aus. Es gibt kein Mitwirken im Reich des Unsichtbaren. Demokratie verkommt zur Inszenierung, Marktwirtschaft ebenso. Gyges fand einst den Ring, der Unsichtbarkeit verleiht. Wer trägt ihn heute?

Platons Dialog «Der Staat» ist der Frage nach dem gerechten, guten Staatswesen gewidmet. Glaukon, einer der Teilnehmer der Gesprächsrunde, erzählt die Geschichte von Gyges, eines armen Hirten in den Diensten des Königs von Lydien. Eines Tages, ein heftiges Gewitter ging über das Land, öffnete sich plötzlich die Erde und gab einen goldenen Ring frei. Dieser hatte die Zauberkraft, dem Träger Unsichtbarkeit zu verleihen. Gyges machte sich diese Kraft zu Nutze, drang in den Königspalast ein und riss die Herrschaft an sich.

Diese Sage wäre nicht weiter erwähnenswert, ginge es bloss um die banale Tatsache, dass der Starke mächtiger ist als der Schwache. Glaukon, der Erzähler, hat mehr im Sinn. Es geht ihm darum, die Macht des Starken und die Ohnmacht des Schwachen zu hinterfragen. Das Geheimnis des Ringes von Gyges ist der Gegensatz zwischen Sichtbarem und Unsichtbarem. Was sich im Schutze der Unsichtbarkeit abspielt, entzieht sich einer Bewertung nach Gut und Schlecht. Es geschieht einfach, wie das blinde Wirken der Natur,  es kommt wie das Schicksal über die Menschen. Ihnen bleibt nur, die Folgen des undurchschaubaren Geschehens zu erdulden, ohnmächtig. Bewusstes Gestalten einer gerechten Ordnung wird erst möglich, wenn der Schleier der Unsichtbarkeit gefallen ist. Wenn die Akteure sichtbar Rest des Eintrags ansehen →

Jürg Minsch und Thom Held

REMO LARGO, ZUM «JUNGBRUNNEN EINER GESELLSCHAFT»

Mai 2, 2012 in NACHGEFRAGT

Remo Largo

 

 

 

 

 

2 Fragen der Denk-Allmend-Initianten an den in allen Schweizer Familienstuben bekannten Facharzt und Buchautor Remo Largo:

Die Denk-Allmend:  Viele der im Wettbewerb eingereichten Zukunftsideen zum Flugplatz stammen von jungen Leuten. Die von der Jury herausgehobenen Ideen, sowie alle prämierten Ideen stammen von Einzelpersonen und Teams, die am Anfang Ihrer beruflichen Laufbahn stehen. Ist dies womöglich ein Ausdruck dessen, was Sie im Zusammenhang mit Ihrem neuesten Buch als «stete Neuerfindung der Moral» und als «Jungbrunnen der Gesellschaft» bezeichnen?

Remo Largo:  Die Erneuerung der Gesellschaft kommt immer von jungen Menschen, sei es gesellschaftlich, kulturell oder technisch. Die Gesellschaft verbaut sich also die eigene Zukunft, wenn sie der jungen Generation nicht den notwendigen Freiraum gibt, um sich kreativ auszudrücken. 

Aus den Wettbewerbsideen lässt sich ein Psychogramm dessen herauslesen, was vor allem auch jüngere Teile der Zivilgesellschaft für Sehnsüchte, Wünsche und Forderungen an die Zukunftsgestaltung hegen (siehe S. 8 unserer Zeitung vom Okt. 2011): der Wunsch nach mehr Denk- und Rest des Eintrags ansehen →